Summerjam Festival 2010

Endlich ist es wieder soweit. Voller Erwartungen und Vorfreude machen wir, das sind Fotograf Christopher und ich, uns auf den Weg nach Köln um den Reggaegrößen auch im Jahre 2010 zu huldigen. Mit dabei viel versprechende Namen wie Capleton, Gentleman, Inner Circle, Nas & Damian Marley, Mono & Nikitaman, Stephen Marley und etliche mehr! Fotos sind nun hier online!

Doch fangen wir bei unserem Anreisetag Mittwoch an: Nach ca. dreistündiger Autofahrt gen Köln erreichen wir den Stadtteil Fühlingen, wo das Spektakel stattfinden soll. Auf der Suche nach der Ein- und Ausladestation, wo wir unsere zwei vollgepackten Autos entladen wollen, landen wir versehentlich auf dem Parkplatz. Da wir keine Lust verspüren, die doppelte Parkgebühr zu bezahlen, um erst die Entladestation und dann erneut den Parkplatz aufzusuchen fassen wir uns ein Herz und entladen unser Auto hier, so weit entfernt wird das Festivalgelände ja nicht sein. Denken wir. Mit gefühlten 8000 Kilo auf dem Rücken, in den Händen und wo auch immer sonst noch, erreichen wir nach guten 4 Kilometern das Campinggelände. Die Zeit, die wir dafür benötigen, erwähne ich lieber nicht. Tipp: es ist noch hell. Das wunderschöne Festivalgelände rund um den Fühlinger See ist schon ziemlich voll und wir suchen die letzten Plätze zwischen den bereits stehenden Zelten, um unsere aufzubauen. Nach einem anstrengenden Tag, fallen wir auch müde in unser Zelt und tanken Kraft für die nächsten Tage, die da kommen sollen. Am Donnerstag werden wir früh durch Trubel um uns herum, in Form von Zeltaufbauern, geweckt und tatsächlich versuchen immer noch Leute die letzten Zentimeter zu nutzen, um möglichst nah am Festivalgelände zu campen. Nach einem Besuch am Duschcontainer, wo die Duschen 2.50 € kosten und der Toilettengang 50 Cent, fühlen wir uns erstmal 10 Minuten erfrischt, bevor es wieder unsäglich heiß wird. Die Preise finden wir etwas hoch angesetzt, gerade zum Duschen, allerdings schreckt es die Menschen nicht ab und die Schlange davor ist ziemlich lang. Einen 20-Minuten-Fußmarsch entfernt findet sich ein großes Einkaufszentrum in Köln-Chorweiler. Wer keine Lust verspürt zu laufen, kann den extra hierfür bereitgestellten Shuttlebusservice nutzen. Dort findet man wirklich alles und der „Netto“ dort macht wohl an diesen 4-5 Tagen mehr Umsatz als sonst in einem ganzen Monat. Wir machen es wie viele andere auch und decken uns erstmal mit genügend Wasser, Bier, Raviolidosen und was man noch für ein Festival braucht, ein. Am Abend ist die Eröffnung des Partygeländes außerhalb des Festivalgeländes, bestehend aus einem großen Dancehallzelt mit vielen Essensständen drumherum. Hier bekommen wir schon den ersten Vorgeschmack auf die kommenden Tage. Leider ist es so dermaßen warm und voll, dass wir bald beschließen, nicht länger zu verweilen, zumal man den Liedern von Elephant Man und Co. auch super von unserem Zeltplatz aus lauschen kann.

Endlich Freitag und das heißt, es geht mit der heiß ersehnten Musik los! Und was uns heute für Hochkaräter erwarten, ist schon sagenhaft. Wir begeben uns pünktlich zur Toröffnung um 12:00 Uhr auf die Festivalinsel, die immer noch durch eine kleine schmale Brücke zugänglich ist. Unser Anliegen: Bitte erweitert die Brücke, um Stau in jegliche Richtung zu vermeiden! Nachdem wir dieses Hindernis überwunden haben, gucken wir uns zuerst die zahlreichen Souvenir- und Lifestyle- Stände an, dort gibt es einfach alles: von holzgeschnitzten Figuren bis hin zu den obligatorischen T-Shirts. Im Anschluss wandern wir zur Green Stage, wo die Kombo Uwe Banton&Ganjaman den Startschuss zum Summerjam 2010 gibt. Die beiden deutschen Roots Sänger schaffen es, auf Anhieb das einmalige Summerjam-Feeling zu erzeugen. Ein paar Lieder von Uwe Banton, ein paar Lieder von Ganjaman und schließlich die bekanntesten der beiden im Duett. Nach der Performance übernimmt Ganjaman sogleich die Moderation dieser Bühne für diesen und die folgenden Tage. Uns zieht es jetzt mehr zur Red Stage, wo die Berliner Gruppe Ohrbooten mit ihrer Mischung aus HipHop, Reggae und leichten orientalischen Melodien das Publikum unterhalten. Darauf folgt der Auftritt von Mono&Nikitaman und die beiden wissen einfach, wie man das Publikum begeistert! Sehr publikumsbezogene Show, die einfach Spaß macht. Allerdings müssen wir sagen, dass uns die neuen Lieder, die gespielt werden, noch nicht ganz zusagen. Dafür können wir umso mehr zu Liedern wie „Gras ist Legal“ feiern. Ganz nebenbei wird der Fühlinger See sowie das dazugehörige Gelände offiziell für abgespalten von Deutschland erklärt. Als erste Amtshandlung wird laut Nikitaman Gras legalisiert. „Einen Joint auf diese Aussage!“, denken sich viele der Umstehenden. Nach Mono&Nikitaman, bei denen wir uns wirklich verausgabt haben, spielt Dellé, einer der Frontmänner von Seeed, der sein Soloprojekt vorstellt. Erschöpft sitzen wir lediglich auf der Wiese und lauschen von dort aus den Klängen. Nach ein paar Stärkungen in Form von Bier sind auch wir bereit, uns wieder zu den Melodien zu bewegen. Auch ohne die Seeed Leute um sich ist Dellé zu empfehlen. Vor Gentleman begeben wir uns noch mal zum Zeltplatz für eine letzte Stärkung. Sängerin Nneka muss ohne uns ihren Auftritt hinter sich bringen. Als Abschluss-Act des Tages darf sich Gentleman präsentieren, es lässt sich jedoch nur sagen: Es ist kein Genuss. Total überfüllt muss man die bösen Blicke der Nachbarn fürchten, sobald man versucht, sich inmitten der Masse zu bewegen. Hier hat das Summerjam sein unentspanntes statt des gewohnten gemütlichen Gesichts gezeigt. Schade. Ein bisschen Rücksicht von allen und jeder könnte das Konzert genießen. Wir lauschen von weit hinten, was uns Gentleman so zu sagen hat und ziehen, bevor wir ein wenig entnervt zu Inner Circle gehen, den Schluss: so überragend wie sein Status ist Gentleman nicht. Kaum eine Ansage, nur Lied nach Lied bis das Konzert vorbei ist, schade. Zu Inner Circle, die zeitgleich auf der kleineren Bühne spielen, kommen wir genau richtig und können uns auch als Spätankömmlinge noch einen super Platz sichern. Genau zu dem Song „A lalalalalong“, welches momentan schlecht von Mark Medlock und Mehrzad Marashi gecovert wird, stoßen wir hinzu. Danach gibt es noch Bad Boys, das aus dem gleichnamigen Film bekannt ist und noch ein paar Bob Marley Cover. Wären wir bloß von Anfang an hier gewesen. Toller Auftritt, der den Ärger um Gentleman vergessen lässt. Zu guter Letzt bleiben wir noch etwas auf und begeben uns ins Dancehallzelt, wo Serani, ein vielversprechender Newcomer seinen Auftritt hat. Dieser Auftritt ist nicht sonderlich schlecht, lässt sich aber sich in einfachen Worten beschreiben: dass er sich von der Masse sagen lässt, wie toll er sei, eine halbe Stunde seine Lieder singt und ohne Zugabe wieder verschwindet. Schade, dass es nur genau 30 Minuten waren und keine Minute länger, allerdings hat er in dem kurzen Zeitraum so viel reingepackt, wie ging.

Festival Tag Zwei beginnt auch wieder früh am morgen, weil die unerträgliche Sonne genau auf unser Zelt scheint und bald gefühlte 70°C darin sind. Zwangsläufig setzen wir uns auf unsere Stühle und schauen, was wir heute unternehmen und welche Künstler sich lohnen anzusehen. Wir haben uns für einen Nachmittag vor der Roten Bühne entschieden und somit für Luciano, einem Jamaikaner, Capelton und den Marley Brüdern. Das allerdings erst nach dem Fußballspiel, welches im Dancehallzelt auf dem Festivalgelände und außerhalb des Festivalgeländes bei den Duschcontainern übertragen wird. Pünktlich zum Spiel fängt es dann auch noch an zu regnen. Einerseits toll, endlich Abkühlung, andererseits fällt die Videowand immer wieder aus oder wird aus Sicherheitsgründen ausgemacht, weil es so stark regnet. Das macht irgendwie nicht wirklich Lust auf mehr und wir verfolgen das Spiel am mitgebrachten Radio im Zelt. Später also dann Luciano. Für uns eher uninteressant, da wir auf die Leute warten, die danach kommen und uns früh in eine gute Position für Damian Marley und Nas bringen wollen. Für einige Franzosen ist er wohl aber so interessant, dass sie neben uns schon richtig abgehen. Nach Luciano spielt erstmal ein anderer Sohn des legendären Bob Marley, Julian, der wie viele Kinder von Bob, auch in die Fußstapfen von seinem Vater getreten ist. Mit eigenen Songs und natürlich auch Covern seines Vaters, wo man, wenn man die Augen zu macht, denkt, der Reggaegott stehe höchstpersönlich auf der Bühne. Gänsehaut pur! Als er dann noch ein Lied mit seinem Bruder Damian macht, kennt die Stimmung kein Halten mehr. Nach Julian Marley kommt der „King of More Fire“ Dancehallgröße Capleton. Und langsam wird es auch ungemütlich, weil immer mehr testosterongesteuerte junge Männer nach vorne drängen und denken, sie können einfach pünktlich zu Spielbeginn da sein und sich die besten Plätze sichern. So wird es wieder ein Gedränge wie bei Gentleman, nur dass wir unsere Plätze eigentlich nicht aufgeben wollen, es aber irgendwann wohl oder übel müssen, weil immer mehr nach vorne drängen. Wir verziehen uns aus der drängenden Menge, wo wir ein Deja Vu Erlebnis haben, weil uns wieder die Leute nicht rauslassen wollen und man sich halbwegs rausboxen muss. Von anderen Festivals, die aufgrund der Musik einen härteren Ruf haben, haben wir das schon anders erlebt und sind enttäuscht von dem Publikum, auch wenn es nur ein kleiner Teil in den ersten 15 Reihen zu sein scheint. Damian Marley schauen wir uns also wieder wie Gentleman am Vortag von ganz hinten an. Hier ist auch mehr Platz zum Tanzen und der Auftritt ist auch besser als der von Gentleman am Vortag. Aber bevor ich mehr dazu verrate verweise ich auf einen anderen Artikel vom Nas und Damian Marley Konzert in Hamburg.

Im Dancehallzelt kann man sich noch die Soundsystems Pow Pow, Sentinel und David Rodigan anhören und von der schwitzigen Luft in dem Zelt eine Kostprobe nehmen, oder aber die Insel verlassen und zum Zelt zurück traben. Nachdem kurzer Einlasstop am Dancehallzelt ist, verschlägt es uns auch eher zu unserem Zelt, obwohl die Soundsystems eine schlaflose Nacht versprechen.

Der letzte Tag beginnt mit der Frage: bleiben wir oder fahren wir? Die Running Order ist echt ungeschickt, sodass wir uns am Sonntag ernsthaft fragen, wozu noch da bleiben? Als einzigen interessanten Künstler sehen wir Max Herre, der den Abschluss heute macht. Da hätten wir eigentlich viel lieber z.B. Inner Circle gesehen, die so am Freitag zeitgleich mit Gentleman spielen mussten. Das wäre allerdings ein Abschluss gewesen, der sich gelohnt hätte und ebenso für Gänsehautfeeling gesorgt hätte, wie UB40 im Jahr zuvor. Die Doppelbesetzung von Topacts muss man dem Veranstalter auf jeden Fall ankreiden, weil nicht nur wir sondern sicher auch viele andere Damian Marley und Mr. Vegas gesehen hätten, die am Samstagabend zeitgleich gespielt haben. Allerdings war das der Versuch, vor einer Bühne etwas das Gedränge zu nehmen, weil es sonst vor der anderen noch voller geworden wäre. Letztendlich sind wir zu dem Schluss gekommen, am Sonntagnachmittag zu fahren und uns vorher noch ganz gemütlich auf die Festivalinsel zu begeben und die letzten Züge von der eigentlich einmalige Stimmung einzufangen. Trotz aller Kritik in diesem Artikel, die doch auf hohem Niveau stattfindet und nur Feinheiten wofür der Veranstalter wenig kann aufzählt, war es doch ein wunderschönes Festival und ein schöner 25. Geburtstag des Summerjams.

Auf weitere 25 Jahre!

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